Raubkopien und Musikindustrie

Es war das Jahr 1997, als ich mit meinen Augen etwas sah, was ich bis dahin nie für möglich gehalten hätte. Es gab ein bestimmtes Album von einer bestimmten Band, das ich unbedingt haben wollte und aufgrund des knappen Budgets gezwungen war, bis nächsten Monat zu warten. Ein Freund kam zu mir und drückte mir die CD in die Hand: „Ist deine, kannst du behalten“. Von so viel Großzügigkeit entsetzt, öffnete ich die Hülle mit dem etwas blassen, aber doch identischen Cover und sah…einen Rohling mit dem Namen des Herstellers und dem Logo der Band sowie dem Titel des Albums, liebevoll mit dem schwarzen Edding drauf gemalt. Noch bevor ich den Mund öffnen und meiner Verwunderung einen Ausdruck verleihen konnte, verkündete mein Kumpel stolz: „Hey, Alter, ich hab mir einen CD-Brenner zugelegt, jetzt wird alles anders!“

Der Mann sollte Recht behalten, denn einige Dinge wurden seitdem wirklich anders. Die liebevoll bespielten und beschrifteten Kassetten wanderten in die hinterste Ecke der untersten Schublade. Das stundenlange Ausharren vor dem Radio, auf der Jagd nach einem guten Song wurde überflüssig. Auch die langen Aufenthalte in Musikläden, um aus einem Dutzend CDs zwei – drei beste auszusuchen, für welche man bereit wäre, die paar Kröten zu investieren (ich gab damals etwa 100 DM monatlich für Tonträger aus) gehörten immer mehr der Vergangenheit an. Man musste nur genug Gleichgesinnte kennen und 10 DM für einen Dreierpack Rohlinge in der Tasche haben und schon bald hatte man keine Übersicht mehr darüber, was sich im eigenen Plattenschrank befand. Doch auch Bekanntschaften und Rohlinge wurden überflüssig, nachdem der Internetzugang zur Grundausstattung jedes Haushaltes wurde und die Tauschbörsen wie Napster, deren Community im Februar 2001 ca. 80 Millionen Nutzer umfasste, den Zugang zur Musik als free MP3 – Download zusätzlich vereinfachten.

Im Jahr 2000 stellte die Musikindustrie einen leichten Rückgang der Verkaufszahlen fest und einige Analysten prophezeiten für das kommende Jahr Absatzeinbußen von bis zu zehn Prozent. Am 16. April 2002 meldete Spiegel-Online, dass der weltweite Absatz der internationalen Musikindustrie im vergangenen Jahr auf fünf Prozent (rund 38,3 Milliarden Euro) gefallen sei. In seinem Statement teilte der Chef des internationalen Musikindustrieverbands (International Federation of the Phonografic Industry) Jay Berman mit, dass die Misere nicht auf die geschwächte Nachfrage nach Musikaufnahmen zurückzuführen sei. Die schleppende weltweite Konjunktur und die Zunahme von privaten Raubkopien sowie kostengünstigen oder gar kostenlosen Musikdownloads seien seiner Ansicht nach die Gründe für den Rückgang der Verkaufszahlen.

Am 31.12.2001 veröffentlichte Chip-Online einen Artikel mit dem Titel „CD – Kopien: Musikbranche durch Technik enteignet“. Den Kern des Artikels bildete die Aussage des Vorsitzenden der Phonoverbände Gerd Gebhardt. Dieser betonte, dass während die Verkaufszahlen von Tonträgern im Vergleich zum Jahr zuvor um zehn bis fünfzehn Prozent gesunken sind, ist der Absatz von CD – Rohlingen weiterhin gestiegen. „Wir werden im Prinzip durch die Technik enteignet“ – beklagte sich Gebhardt. Sein Statement stieß bei Chip-Online auf Unverständnis. Es stellt sich in der Tat die Frage, warum Herr Gebhardt davon ausgeht, dass alle gekauften Rohlinge mit Musik bespielt werden. Außerdem werden diejenigen Musikfans nicht berücksichtigt, die Sicherheitskopien von den käuflich erworbenen CDs erstellen, denn schließlich halten die Silberlinge nicht ewig.

Die Versuche der Musikindustrie, durch diverse Strategien gegen die Misere anzukämpfen, brachten keine beachtlichen Erfolge. Die bereits 1999 ins Leben gerufene Kampagne „Copie kills music“ erwies sich als recht unwirksam. Das Versehen der CDs mit Kopierschutz sorgte lediglich dafür, dass die zahlreichen Musikfans die gekauften Tonträger zur Reklamation zurückbrachten, weil diese weder abgespielt, noch digitalisiert werden konnten. Es entstand eine Reihe von Kinospots, welche den Eindruck erwähnten, dass die Raubkopierer genau so hart verfolgt werden müssen, wie Mörder und Vergewaltiger (bis heute empfängt das Kinopublikum diese Spots mit ironischen Begeisterungsrufen). Auch die Idee, Musik – CDs zu drei unterschiedlichen Preisklassen anzubieten – das reguläre Album ohne Booklet für knapp zehn Euro, dasselbe mit Booklet und ein paar Bonustracks für fünfzehn Euro und die Special Edition mit mehr Bonusmaterial und zahlreichen Merchandising – Goodies für zwanzig Euro und aufwärts – zeigte keine Wirkung. Es ist in der Tat nicht besonders sinnvoll, die Käufer dadurch anzulocken, dass man sie nach ihrem Vermögen in drei Klassen unterteilt. Nicht einmal das Geschäft mit den digitalen Downloads erwies sich als besonders hilfreich und auch im Jahr 2008 blieben die Verkaufszahlen der Musikindustrie weltweit im Rückstand.

Was mich persönlich an der ganzen Debatte über den Untergang der Musikindustrie (Der Rückgang der Verkaufszahlen in der Musikindustrie) irritiert ist das Außerachtlassen der geistigen oder kulturellen Werte der Musik. Man beklagt sich über niedrige Absätze, man zerbricht sich den Kopf über die neuen Geschäftsmodelle, doch das recht unzureichende Angebot der heutigen Plattenfirmen wird nur selten erwähnt. Angenommen, man würde mir einen Gutschein schenken, den ich nur gegen einen aktuellen Tonträger eintauschen könnte, so wäre ich ratlos. Denn es sind größtenteils künstliche Eintagsfliegen und blutleere Plagiate, die von der heutigen Musikbranche hervorgebracht werden. Spätestens seit dem Aufkommen der populären Musik, hatte jede ernstzunehmende Stilrichtung etwa zehn Jahre gebraucht, um zu entstehen, zu gedeihen und schließlich mehr oder weniger unter zu gehen. Eine handvoll Bands ließen sich vom Zeitgeist inspirieren und spielten aus eigener Initiative einen Sound, in dem sich der aktuelle Stand der Gesellschaft und die wichtigen musikalischen Einflüsse der vergangenen Jahrzehnte widerspiegelten. Nach dem diese Bands sich im Untergrund einen Kultstatus erspielt hatten, wurden sie von den großen Plattenfirmen entdeckt und unter Vertrag genommen. Nun sorgten diese Künstler für den frischen Wind in den Pop-Landschaften. Sie standen nicht nur für den neuen Sound, sondern auch für neue Mode und neue geistige Impulse. Sie repräsentierten Denken und Fühlen einer ganzen Generation. Innerhalb der ersten zehn Jahre entstanden Alben, die als Meisterwerke einer Stilrichtung oder gar einer Musikepoche gelten, wie z.B. „Violator“ von Depeche Mode, „Joshuas Tree“ von U2 oder „Nevermind“ von Nirvana. Es folgten jahrelangen Touren um die ganze Welt, zahlreiche Singleauskopplungen, Remixe, Verkäufe von Lizenzen und Merchandising. Auch nach ihrer Auflösung bleiben solche Bands noch jahrelang wichtige Einnahmequellen der Plattenfirmen und ermöglichen gleichzeitig die Gründung der neuen Nischen, in denen die musikalischen Sensationen von morgen gedeihen konnten.

Heutzutage wird der Markt so stark wie noch nie von den One- oder Twohitwonder bestimmt. Die Musiker sind keine starken Persönlichkeiten mehr und nicht mehr in der Lage, eine ganze Generation nachhaltig zu prägen. Was der Hörer vorgesetzt bekommt, sind die Flatrate – Stars aus TV – Shows wie „DSDS“ oder „Indie“ – Bands, die den Rockikonen von vorgestern nacheifern, um nach spätestens zwei Jahren wieder in Vergessenheit zu geraten. Alles was sie zu bieten haben ist ein nettes Liedchen auf den Lippen und eine Attitüde, welche von den einigermaßen intelligenten Musikfans kaum ernst genommen werden kann.

Angesichts dieser Lage kann ich mir einen weiteren Grund vorstellen, warum das Publikum die Musikindustrie im Stich lässt: Vielleicht, weil es von der Musikindustrie selbst nicht ernst genommen wird? Die Krise auf dem Musikmarkt ist für mich also keineswegs nur eine Frage der „Enteignung durch die Technik“ oder einer schlechten wirtschaftlichen Lage.

Ich glaube übrigens, dass ich meinen Gutschein gegen eine CD von Dido oder Jack Johnson eintauschen würde – ein treffsicheres Geburtstagsgeschenk für Personen, die man nicht besonders gut kennt. Meinen Eigenbedarf aber befriedige ich bei den zahlreichen Netlabels, wo die Musik oft umsonst geboten wird und die Künstler dadurch nicht unter Druck stehen, den Bedürfnisseen geldgieriger Plattenbosse und des apathisch gewordenen Publikums zu entsprechen. Dort habe ich in den letzten Jahren so manch eine interessante Perle entdeckt.