Die Jahre hasten in einer Eile an mir vorbei die einen schwindelig werden lässt.

An meinem 30. Geburtstag sind alle Albträume wahr geworden. Augenscheinlich ist es wohl auch mir nicht gelungen, ein wirksames Mittel gegen die Vergänglichkeit zu finden. Nicht nur gegen die Vergänglichkeit, nein, auch nicht gegen den über einige Jahrzehnte dauernden Verfall. Die Haut wirkt älter, die Haare werden weniger, Haare beginnen aus Nase und Ohren zu sprießen und irgendwann beginnt man nach Eukalyptus oder Mottenkugeln zu riechen.

Schon vor einiger Zeit kündigte sich dieses schreckliche Ereignis durch die brutale Ehrlichkeit meiner Mitmenschen an. Ich wurde von einem Mädchen auf offener Strasse nach der Uhrzeit gefragt. Schon nach dem ersten Halbsatz dieses Mitmenschen verkrampfte sich mein Gehirn, um eben diesen Satz zu verarbeiten. Sie sagte: „Können SIE mir bitte sagen wie spät es ist!“ Zuerst wollte ich dem bösartigen Mädchen sagen, dass es nicht nötig ist, mich mit dem vorangestellten „SIE“ als alten Sack zu einzustufen.

Aber nein, belehren wollte ich das Mädchen nicht. Das würde mich noch älter machen. Nur alte Menschen belehren und berichtigen andere Mitmenschen. Ein anderer Plan, ein von Rache getriebener, sollte mein gekränktes Gemüt wieder erhellen.

Ich antwortete ihr und nannte eine Uhrzeit, allerdings eine falsche, sie hatte es schließlich so verdient.

Als sie dann wieder ihres Weges ging, konnte ich nichts gegen das Gewinnerlächeln auf meinem Gesicht unternehmen, ich wollte es auch nicht. In meinem durchtriebenen Gehirn entspann sich nun die Geschichte, die sie sicher erleben würde. Ich stellte mir vor, sie käme aufgrund meiner falsch genannten Uhrzeit viel zu spät nach Hause. Ihre Eltern spielten verrückt und bestraften sie mit Stubenarrest oder unangenehmen Hausarbeiten. Sie würde leiden. Sie hatte ja selbst Schuld, dieses kleine Miststück.

Als ich dann selbst zuhause angekommen war, stellte ich den Fernseher an. Was musste ich sehen? Pausenlos steckten kleine dumme Mädchen ihr Hinterteil und andere Körperteile in die Kamera, irgendein Kasper jodelte was von Gangster, Stolz und anderen schwerverständlichen Themen in das Mikrophon. Heute ist es möglich, dass Jugendliche, die kaum einen Satz richtig sprechen können und dabei fast nur Unsinn plappern, berühmt werden und von anderen Jugendlichen zu Vorbildern und Helden stilisiert werden. Ich schaltete um auf einen anderen Musiksender. Dort saß ein 17 Jähriges kleines buntes Mädchen neben Lemmy Kilmister, Sänger, Bassist und Gründer von Motörhead. Ich fragte mich, ob es seine Enkelin ist. Nahezu erschüttert musste ich feststellen, dass sie eine Moderatorin ist. Immerhin versuchte sie sich in einem bedeutungsvollen Gesichtsausdruck. Sie stellte ihm Fragen, die dümmlicher und naiver nicht hätten sein können. In Lemmys Gesicht manifestierte sich, zumindest in meiner Wahrnehmung, nichts weiter als „Ich verstehe nicht was sie wissen will, wie erzähle ich es dem Kinde nur?“.

Menschen meiner Generation sind gestraft mit einer soliden Schulausbildung. Wir haben es schwer in dieser Welt. In einer Welt in der halbwegs richtig gesprochene Sätze von Spießertum zeugen. Fragt doch mal einen 20 Jahre alten Menschen, wann die Deutsche Wiedervereinigung stattgefunden hat. Und wie der Name des damalig regierenden Bundeskanzlers lautet. Ihr werdet es nicht fassen können, welche Antworten ihr bekommt.

Wie ein alter Opa verstehe ich jetzt schon die Welt nicht mehr. Dennoch werde ich mich nicht wundern, wenn Dieter Bohlen irgendwann Bundeskanzler wird und irgendeiner dieser Gangsta-Affen Bildungsminister.